Dr. Daniel Trauth bei der Implementierung der senseering Lösung bei einem Kunden.
„Wir müssen begreifen, welchen Wert Daten haben“

senseering bietet ein industrielles Betriebssystem an, das alle Devices – aktuell vor allem Maschinen – miteinander und mit Apps oder Menschen verbinden kann. Alle, die nun ein Fragezeichen im Kopf haben, werden unten Antworten finden.

Senseering: Wie ein KI-Start-up Maschinen­bau intelligenter macht

Dr. Daniel Trauth

#NeueGründerzeit Nordrhein-Westfalen sprach mit Gründer Dr. Daniel Trauth über eine Chronologie des schöpferischen Scheiterns als Vorstufe für Erfolg, über Erklärungsschwierigkeiten bei Freunden und Familie zum eigenen Tun, aber auch über eine Haltung, die für Innovation unumgänglich ist.

Dr. Daniel Trauth: Bevor wir über die senseering GmbH und die gemeinsame Gründung mit meinem Geschäftsführungspartner Dr. Patrick Mattfeld sprechen, zwei Sätze zu mir selbst: Ich habe nach dem Abitur eine Ausbildung zum IHK-zertifizierten Mechatroniker gemacht. Danach habe ich Maschinenbau mit der Vertiefung Konstruktion und Entwicklung studiert. Das Studium habe ich mit einer Promotion abgeschlossen und parallel ein betriebswirtschaftliches Zusatzstudium absolviert. Zurückblickend habe ich wohl eine sehr konservative Ausbildung genossen. Durch die Anwendung von Digitalisierung bin ich heute in einer vollständig anderen Welt angekommen.

Der Weg bis heute war für mich und senseering eigentlich eine Abfolge des – konstruktiven – Scheiterns.
Dr. Daniel Trauth, senseering

Dr. Daniel Trauth: Die Gründungsidee von Patrick und mir bestand darin, KI, also Künstliche Intelligenz, für den Maschinenbau zu entwickeln. Dabei haben wir schnell gemerkt, wie anspruchsvoll diese Idee ist. Denn irgendwie wollte es nicht so recht gelingen: Die Güte der KI war auf die eigenen Maschinendaten beschränkt. KI kann aber nur besser werden, wenn sie auf deutlich mehr Daten aus vielen verschiedenen Datenquellen und Systemen - auch von Kunden und Lieferanten - zugreifen kann. Bei der Industrie haben wir anfangs jedoch wenig Anklang gefunden.

Dazu kommt: Wir haben uns für mehrere EXIST-Förderungen des Bundeswirtschaftsministeriums beworben und das Feedback bekommen, dass es unsere Idee entweder nicht brauche oder schon gäbe und man sie deshalb nicht fördere.

Heute glaube ich: Wir waren damals zu früh mit unserer Idee. Der Markt, bzw. die Kunden, waren und sind teilweise auch heute noch nicht bereit dafür. Zudem mussten wir erst noch lernen, welche Facette unserer Vision für welchen Gesprächspartner relevant ist. Noch heute fällt es uns teilweise schwer, die richtigen Worte für den entsprechenden Kunden zu finden. Da ist es logisch, dass Kunden und Partner nicht sofort auf den Zug aufgesprungen sind.

Maschinen müssen "Networken"

So kamen wir zwangsläufig zur Idee für unsere heutige Lösung: Wir sind damals einen Schritt zurückgegangen und haben uns gefragt, wie wir unserer KI mehr Daten bereitstellen, unsere so genannte Datenlücke schließen können? Denn uns fehlten die richtigen Daten zur richtigen Zeit für die bestmögliche KI. Wie kann ein Produkt aussehen, das dieses Problem löst?

Was wir jetzt mit Maschinen im digitalen Raum machen, entspricht dem „Netzwerken“ in der realen Welt. Man kennt jemanden, der jemanden kennt … Daraus leitete sich bislang auf Menschen bezogen der Erfolg eines guten Managers ab; er war bzw. ist vernetzt und hat Zugang zu Informationen, die andere ggf. nicht haben. Auf demselben Prinzip basiert unsere Idee des Datennetzwerks, das man auch als Datenmarktplatz bezeichnen könnte. Diese Metapher soll verdeutlichen, dass Daten einen Wert haben, sodass man sie tauschen oder vergüten kann. Meistens sehen Unternehmen bei einem Datenaustausch die Gefahr, dass Wettbewerbern dadurch Vorteile verschafft werden. Es handelt sich aber in unserem Fall um ein Geben und Nehmen. Um Vorbehalten zu Datensicherheit und Datenhoheit zu begegnen, haben wir eine Blockchain-Technologie, den Tangle der IOTA Foundation aus Berlin, in unser Datennetzwerk integriert. Somit lassen sich Datenurheber und die Integrität der Daten lückenlos und jederzeit für jeden nachvollziehen. Was es bislang nur in den realen Netzwerken der Manager gab, gibt es jetzt auch im digitalen Netzwerk der senseering: Vertrauen - zwischen Maschinen.

Damit aber nicht genug. Wir gehen immer wieder neue Facetten an und stimmen uns in entsprechenden Expertengremien, zum Beispiel mit dem Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen, und anderen Stakeholdern aus Politik, Wirtschaft und Forschung ab. Ein weiterer Meilenstein ist die Arbeit an einer GAIA-X-Zertifizierung. GAIA-X ist ein Projekt zum Aufbau von leistungsfähiger, sicherer und damit vertrauenswürdiger Dateninfrastruktur in Europa. Mit nur wenigen Modifikationen könnte der Datenmarktplatz der senseering GmbH bald GAIA-X konform sein, und damit eine unabhängige, offene und vernetzte Dateninfrastruktur mit digitaler Selbstbestimmung über die eigenen Daten sein.

Dr. Daniel Trauth steht an einem Gerät
Dr. Daniel Trauth bei der Implementierung der senseering Lösung bei einem Kunden.

Ein innovatives Produkt, wie das von senseering, führt aus meiner Sicht zwangsläufig zu einer Unternehmensgründung.

Dr. Daniel Trauth: Die existierenden Forschungsprogramme sind nach meiner Meinung für risikoaffine, schnelllebige Innovationen wie unsere noch nicht gut genug vorbereitet. Forschungsprojekte mit starkem FuE-Bezug, also Fokus auf Forschung und Entwicklung, sind an sich gut, aber auf zwei bis drei Jahre ausgelegt. Das ist für digitale Lösungen in einem schnell wachsenden Markt eine zu lange Zeitspanne. FuE-Projekte sind zwar gut geeignet, um neue Facetten zu entwickeln, aber nicht für die Umsetzung der innovativen Idee selbst. Die muss es so schnell es geht geben. Und sie muss am Markt angenommen sein. Uns war also klar: Wenn wir machen wollen, müssen wir gründen!

Dabei weiß ich gar nicht, ob ich „der ideale Gründer“ bin. Elevator Pitches sind für mich immer noch eine Herausforderung, die ich nicht so locker aus dem Ärmel schüttele, wie es erwartet wird. Die Bedürfnisse des Kunden richtig zu lesen, die er manchmal selber nicht kennt, fordert uns immer noch heraus. Was ich aber sagen kann: Patrick und ich haben Durchhaltevermögen, wir sind überzeugt von unserem Ansatz, und uns gelingt es immer wieder, das Kundenfeedback in neue Blickwinkel und neue Facetten zu überführen, die uns Schritt für Schritt weiterbringen. Wir verändern und erweitern unsere Idee ständig. Vielleicht ist es aber auch einfach nur unsere Naivität – der feste Glaube daran, dass wir eine zukunftsformende Idee mit disruptivem Potenzial haben.

Unsere Zweifel gehören dazu.

Dr. Daniel Trauth: Durch Gespräche, u. a. mit Investoren und deren Vermittlern, hinterfragen wir uns aber nicht nur selbst, sondern auch unseren Zielmarkt. Hat Deutschland eigentlich das richtige Mindset für das Thema Daten, das in unserem Produkt nun einmal Herzstück ist? Wie sieht es in Asien oder den USA aus? Ist die kritische Masse, die es zwangsläufig braucht, in Deutschland nicht zu klein? Und wenn ja, wie lange noch?

Wir hätten eine Chance gehabt, in die Bay Area, die Area für Innovationen in San Francisco, USA, zu gehen – wenn nicht Corona und der US-Wahlkampf dazwischengekommen wären. Wir sagen aber: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Mit dem „German Accelerator“-Start-up-Programm des Bundes gibt es genau das, was uns helfen würde und vielleicht auch wird, die erste „Success Story“ in den USA zu schreiben.

Aktuell arbeiten wir mit dem Landeswirtschaftsministerium weiter an einem Teil unserer Vision, dem Maschinendatenmarktplatz.NRW, und zwar für NRW mit NRW aus NRW, der unter der URL Datenmarktplatz.NRW verfügbar gemacht werden soll. Als Basis für diesen Maschinendatenmarktplatz können wir uns vorstellen, mit Daten der Metall- oder Chemieindustrie zu beginnen und sukzessive auf Energie-, Finanz- und Kommunaldaten auszuweiten. Wir müssen begreifen, welchen Wert Daten haben und wie sie unsere Prozesse vereinfachen und verbessern können. Daten sind eine Ware, wie das Brot oder die Butter im Lebensmittelladen.

Meine Familie und Freunde sind immer noch überrascht und schütteln teilweise verständnislos den Kopf.

Dr. Daniel Trauth: Meine Frau hört sich meine Überlegungen und Ideen bereits seit unzähligen Jahren an. Sie kennt somit Hintergründe und kann es einordnen, ist eher überrascht, wenn unsere Vision auf wenig Anklang stößt. Im Gegenteil, sie kann sich sogar eine Anwendung in der Herzchirurgie vorstellen. Wenn ich mit meiner Familie und meinen Freunden über senseering spreche, merke ich, dass das, was ich tue, schwer zu kommunizieren ist – zumindest für mich. Das könnte aber auch ein gesellschaftliches Problem sein. In der Schule, im Studium oder im Beruf wurde ich zu meiner Zeit nicht auf das vorbereitet, was mich und die Branche heute beschäftigt. Ebenso wenig die Zuhörerinnen und Zuhörer. Man redet also ständig aneinander vorbei. Erst seit zwei oder drei Jahren merke ich einen Wandel.

Es „ruckt“ in Deutschland.

Dr. Daniel Trauth: Die Veränderung in der Gesellschaft ist bemerkbar. Die Forschungs- und Digitalisierungsprogramme von Bund und Land sind richtig und wichtig. Es fehlt aber immer noch an einer Veränderungskultur, um diese Programme auch anzunehmen und in die Breite zu tragen. Wir sehen das ja auch bei unserer Zielgruppe.

Es wird immer noch zu viel mit Verbiete-Mentalität geantwortet und am Bestand festgehalten anstatt sich auf innovative Lösungen einzulassen, anstatt zu überlegen, wie ich mit meinem Bestandskonzept den Nutzen für den Kunden weiter erhöhen und mein Business weiterentwickeln kann? Menschen müssten sich die Frage stellen: Warum machen wir das eigentlich nicht? Stattdessen wird gefragt: Warum soll ich das machen? Für diese Haltung des Hinterfragens, des Andersmachens und für das Brechen mit klassischen Werteversprechen bewundere ich Menschen wie Steve Jobs. Gleiches gilt für Elon Musk, wenn man über die Produktion seiner Autos hinaus, seine Vision der Software-Produkte und Elektromobilität an sich betrachtet. Das Auto ist dabei nur Mittel zum Zweck. Wenn man mir den Raum zur Erklärung einräumt, sage ich sogar: „Elon Musk ist kein Autobauer. Sondern betreibt ein Software-Unternehmen.“

Ich frage mich aber immer wieder auch: Ist man seiner Zeit voraus oder hat man einfach nur eine blöde Idee?
Dr. Daniel Trauth, senseering

Dr. Daniel Trauth: Diese Frage bringt mich zu einem letzten Tipp bzw. einer abschließenden Aussage zu unserer Gründung. Selbstkritik halte ich für jeden Gründer und jede Gründerin für wesentlich. Denn der Grat zwischen dem, „einfach nur ein Nerd“ oder ein echter Innovator zu sein, erscheint mir doch schmal. Die Antwort findet man nur im Markt, früher oder später.

Wir freuen uns jedenfalls, dass auch von außen an uns geglaubt wird – z. B., indem wir bei Wettbewerben wie dem OUT OF THE BOX.NRW Award, bis ins Finale kommen konnten und eine entsprechende Würdigung durch den Minister und den Vorstand der NRW.BANK erhalten haben. Und natürlich über andere Auszeichnungen, die wir erhalten haben, beispielsweise durch den digitalHUB Aachen e.V., die AGIT Aachener Gesellschaft für Innovation und Technologietransfer mbH und die RWTH Aachen, die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen.